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Tempo hochhalten

Weidmüller Vorstandsvorsitzender Dr. Peter Köhler warnt vor Verlust der Spitzenposition Deutschlands beim Innovationsthema „Industrie 4.0“

 

„Industrie 4.0“, „vierte industrielle Revolution“, „Embedded Systems“, „Internet der Dinge“ – längst ist das Thema der eigenständigen Kommunikation und Steuerung von Maschinen und ganzer Produktionslinien keine Phantasie auf dem Reißbrett mehr. Aus dem anfänglichen Strohfeuer ist ein Dauerbrenner geworden.  Dabei ist auch klar, dass diese Entwicklung mehr Chancen als Risiken birgt, vor allem für die deutsche Wirtschaft – nur müssen diese auch genutzt werden.

 

Unsere Produktionsstätten werden sich nach und nach verändern. Aus einzelnen aneinandergereihten Wertschöpfungsketten werden Wertschöpfungsnetzwerke. An Stelle der zentral gesteuerten Produktion in einem passiven System tritt die dezentrale Selbstorganisation der Produktionsprozesse. Die Vorteile liegen auf der Hand: die Produktion wird durch Intelligenz flexibler und effizienter.

 

Ressourcen werden geschont, Ausschüsse minimiert. Schon heute schwärmt die Industrie von einer rentablen Produktion ab einer Losgröße von eins. Durch die Auflösung von Branchengrenzen entstehen vollkommen neue Kooperationskonstellationen und damit einhergehend neue Geschäftsmodelle.

Selbstdenkende Produktion vorantreiben

Speziell der Standort Deutschland kann von dieser Entwicklung profitieren. Denn wir besitzen das Know-how in den Fachgebieten der „intelligenten Produktion“: Nach wie vor ist Deutschland die Nummer eins im Maschinen- und Anlagenbau, der in der Automatisierungstechnik wie kaum ein zweiter die vierte industrielle Revolution vorantreibt. Deutschland ist zudem im Besitz großer IT-Fachkompetenz, ohne die die Produktion nicht „intelligent“ gemacht werden kann. Hier befindet sich Deutschland nach wie vor in einer einmaligen und komfortablen Situation: Industrie, Forschungseinrichtungen und -institutionen, Universitäten und Bildungseinrichtungen und Verbände treiben die Vision der selbstdenkenden Produktion mit neuen Technologien voran.

Die Wirtschaft profitiert dabei nicht nur von steigenden Umsätzen durch die Herstellung von Komponenten und Lösungen für die „Industrie 4.0“. Vorteile verschaffen sie sich auch durch den Einsatz in der eigenen Produktion. Hört sich an, als handele es sich um die sprichwörtliche „eierlegende Wollmilchsau“, sowohl für die Zukunft der Industrie als auch für den Standort Deutschland.

Dr. Peter Köhler, Vorstandsvorsitzender der Weidmüller Gruppe

Kein Himmel voller Geigen

Doch wie so oft hängt auch bei der „vierten industriellen Revolution“ der Himmel nicht voller Geigen: neben technischen Hürden, wie die Verarbeitung der für die Umsetzung notwendigen riesigen Datenmengen oder der Sicherheit gegenüber Spionageangriffen von außen, ist es vor allem der Faktor Zeit, der einen Strich durch die Vision einer sorgenfreien intelligenten Zukunft machen könnte. Denn längst haben auch andere Länder erkannt, welche Chancen sich hinter „Industrie 4.0“ verbergen. In den USA wurden im vergangenen Jahr 2,2 Mrd. US-Dollar speziell für die Forcierung der Produktionsforschung zur Verfügung gestellt. China stellt bis 2015 1,2 Billionen Euro für die Transformation und Modernisierung der Industrie bereit. Aus „Made in China“ wird „Created in China“. Und auch die EU fördert, unter anderem mit dem Anfang Dezember verabschiedeten, 70 Milliarden Euro umfassenden Programm „Horizon 2020“, die Fortentwicklung des „Internets der Dinge“ mit insgesamt neun Milliarden Euro.

Jetzt nicht nachlassen

Angesichts solch hoher Förderungen könnte Deutschland die Rolle als Vorreiter und Innovationstreiber verlieren. Es droht ein Szenario wie bei der Entwicklung der MP3- oder Bionic-Technologie – beides Bereiche in denen Deutschland eine Spitzenposition innehatte und heute nur noch eine Nebenrolle spielt. Unlängst ergab eine Studie der Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers, dass zwar jedes zweite deutsche Unternehmen eine Vernetzung im Sinne von „Industrie 4.0“ plane, gerade aber mal ein Fünftel schon heute die Steuerungsabläufe entsprechend umgestellt hat. Die Studie ergab ebenso, dass in der Praxis weniger die

 
 
Dr. Peter Köhler auf dem ZVEI-Jahreskongress über Industrie 4.0 und die Chancen für die deutsche Wirtschaft

Kosten für die Umstellung ein Problem darstellten,

als vielmehr der häufig unterschätzte Zeitaufwand, den das Verfahren mit sich bringt. Für alle Beteiligten ein Grund mehr, bei den Anstrengungen zur Implementierung von „Industrie 4.0“ nicht nachzulassen und das Tempo hoch zu halten.

Notwendigkeit einer nachhaltigen Industrie- und Innovationspolitik erkannt

Unternehmen, Verbände und Institutionen haben sich zusammengeschlossen und sich des Themas angenommen. Die Wirtschaftsverbände ZVEI, VDMA und Bitkom haben sich in der „Plattform Industrie 4.0“ zusammengefunden, arbeiten an der Fortentwicklung und Realisierung von „Industrie 4.0“ und sind in diesem Rahmen auch beratend an der Umsetzung der High-Tech-Strategie der Bundesregierung tätig.

 

Beispielsweise die Clusterinitiative „it’s OWL“, das derzeit größte Projekt in diesem Zukunftsfeld, gewann im Januar 2012 den Spitzencluster Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums. Der Akademie der Technikwissenschaften „acatech“ gelang es, mit dem Innovationskongress 2014 ein Spitzentreffen auf höchstem Niveau zu organisieren. Bei der für Herbst terminierten Veranstaltung sollen BDI, DGB und Vertreter der Bundesregierung, unter ihnen auch die Kanzlerin und zahlreiche Minister, zusammen kommen und die Pflöcke für eine nachhaltige Innovationspolitik einschlagen. Nicht dass davon auszugehen ist, dass dort die „vierte industrielle Revolution“ quasi von oben in vorgegebene Bahn gelenkt würde – Forschung und Umsetzung sind bei den Unternehmen und Forschungsinstitutionen weitaus besser aufgehoben als in Gremien von Politik, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Es ist aber gut zu wissen, dass das Problembewusstsein der Notwendigkeit einer nachhaltigen Industrie- und Innovationspolitik auch bei den großen gesellschaftlichen Gruppen vorhanden ist.

 

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